Verborgen, aber nicht vernichtet |

Verborgen, aber nicht vernichtet

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Vor hunderten von Jahren, das vierzehnte Jahrhundert dämmerte gerade herauf, nahm der große Maler Giotto der Glorreiche eines Tages seine Pinsel zur Hand und malte ein Porträt an die Wand eines der Räume des Bargello in Florenz. Viele Monate lang war die schöne italienische Stadt in einen Bürgerkrieg verwickelt gewesen, und die Herzen ihrer treuen Kinder waren schwer, als sie jeden Tag das Klirren der Schwerter in den Straßen hörten. Doch nun, im Jahr 1302, herrschte wieder Frieden, die unruhigen Florentiner hatten ihre Fehde vergessen und plapperten wie freundliche Spatzen auf dem Alten Markt, während in den schattigen Straßen und Alleen wieder die Lieder der Blumenmädchen erklangen, die ihre süßen Waren anpriesen. Zum Gedenken an diesen glücklichen Frieden malte Giotto sein Bild an die Wände des Bargello – eine Gruppe der maßgeblichen Köpfe der Stunde, unter anderem Dante – und malte es so, wie nur Giotto es malen konnte, in leuchtenden Farbakzenten, die die Zeit mit all ihrer gerühmten Macht würde kaum trüben können.

Die Jahre vergingen. Der Frieden wurde ein ums andere Mal gebrochen. Giotto und Dante und die singenden Blumenmädchen gingen nicht mehr am Arno spazieren. Der Raum im Bargello wurde nach und nach umgenutzt und füllte sich allmählich mit Unrat. Die Wände wurden schmutzig und staubig, bis man die Gesichter auf Giottos Bild nur noch schemenhaft erkennen konnte – kaum noch, wenn nicht die Erinnerung den Blick lenkte. Dann kam der Tag, an dem jemand die Wand weiß tünchte, und danach taten die Jahre ihr Übriges. Dantes Abbild war für alle Augen der Welt verloren. Fünf lange Jahrhunderte und mehr wurde das Geheimnis gehütet, bis etwa 1851 ein gewisser Kunststudent anhand einer Legende oder Geschichte einen Hinweis darauf fand, dass irgendwo in Florenz ein Meisterwerk verborgen war, das sowohl um des Künstlers willen als auch wegen des dunklen, ernsten Gesichts, das es darstellte, kostbar war. Er studierte und suchte, – fand erst das Gebäude, dann den Raum, dann die Wand. Sorgfältige Hände machten sich an die Arbeit, vorsichtig, penibel, und nun ist Giottos Bild wieder zu sehen, fast so frisch und hell wie in jenen fernen Tagen, als es gemalt wurde.

Und die Geschichte von Giottos Bild weist, wie alles andere auch, auf die Wahrheit hin! „Im Anfang“ stellte sich das Meister-Gemüt ein stattliches Bild vor – ja, die Idee einer Schöpfung, die alles widerspiegeln und ausdrücken sollte, was in diesem Gemüt war. Für Gemüt ist konzipieren und erschaffen gleichbedeutend. Der Mensch, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes, drückte die Vollkommenheit Gottes aus, eine Vollkommenheit, in der es nichts Böses, keinen Makel oder Fehler gab, ja, nicht geben konnte. In diesem ganzen wohlgeordneten Universum gab es keine Macht – denn Gott, das Gute, war die Allmacht -, die verletzen, zerstören oder Angst machen konnte. Im ganzen Universum gab es keine böse Präsenz, denn alles, was war, war Gott, das Gute, und Seine Manifestation. Und Gottes vollkommenes Gesetz, das Harmonie ist, herrschte über Blume, Tier und Mensch und regierte sie. Doch bald schien ein Nebel aufzusteigen – ein Nebel des Missverständnisses, der Unwissenheit und der Furcht -, und er wuchs und verdichtete sich, bis jene vollkommene Schöpfung Gottes für das Denken der Sterblichen dunkel wurde, so wie ein Stern nur schwach durch wandernde Wolken leuchtet. In dem Nebel begannen die Menschen zu glauben, dass sich Phantome bewegten, Geschöpfe, die nicht von Gott geschaffen waren, böse Gestalten, die das reine, gute Gemüt, das alles erschaffen hat, niemals hätte erdenken können, – kranke, müde, entmutigte Männer und Frauen, kleine Kinder, die sich in der Agonie ererbter Qualen winden, sündige Geschöpfe, die selbst vor dem schwachen Licht zurückschrecken, ein schreckliches Durcheinander! Nach und nach, als das Missverständnis wuchs, wurde die vollkommene Schöpfung dem Blick verborgen, und die Augen der Sterblichen sahen nur noch die Phantasmagorien, die kamen und gingen und wieder kamen, – die geisterhaften Menschen des Reiches der Träume.

Kein Wunder, dass die Erde zu einem Ort der Tränen und des Seufzens wurde, oder dass die Menschen sich der geheimnisvollsten aller Visionen zuwandten und sie in weiche, düstere Gewänder kleideten und sie „unseren Freund, den Tod, der uns irgendwie befreien wird“ nannten!

Und doch, nicht alle Menschen, denn hier und da erkannte ein Seher noch immer schemenhaft die Wahrheit der Schöpfung. Hier und da durchdrangen reine Augen den Nebel und fingen den Schein eines großen Lichtes auf. Aber sie wussten nicht, was das Licht enthüllen sollte oder wie sie ihm näher kommen konnten, bis endlich, in der Fülle der Zeit, ein Führer zu ihnen kam. Er führte sie geradewegs dorthin, wo Gottes Werk verborgen lag. Indem er den Vater „in Gedanken und Werken“ offenbarte, deutete er den Menschen den Weg zu sich selbst. Vor seinen Füßen lichtete sich der Nebel, auf seine Stimme hin wurde die Finsternis hell, und wer sehen wollte, sah wieder Gottes Welt und Sein Kind, geschaffen nach seinem Bild und Gleichnis.

Diejenigen, die sich um Verständnis bemühten! Sie sind alles in allem nur eine kleine Schar, und nach einer Weile ging der Meister seines Weges. Einige von denen, die ihm gefolgt waren und einen Blick auf die verborgene Herrlichkeit erhaschten, zeichneten seine Worte und Taten auf, damit in allen Zeitaltern auch diejenigen, die es wollten, den Weg finden konnten. Viele Menschen, gut und wahrhaftig, die sich nach dem Licht sehnten, lasen und grübelten und machten sich auf die Suche, hoffend, sehnsüchtig, verzweifelt, denn in der Dunkelheit hatten sie die Worte des Wegführers missdeutet, und wie sollten sie den Weg finden?

Eines Tages erfuhr man durch die Christliche Wissenschaft, die von Mary Baker G. Eddy entdeckt und gegründet wurde, dass der Nebel nicht mehr verhüllt als die Gedanken der Menschen zulassen und dass er Gottes vollkommene Schöpfung ebenso wenig verändern und unvollkommen machen kann, wie die Tünche an den Wänden des Bargello in Florenz das Bild, das sie verdeckte, verändern konnte; dass Furcht und Unwissenheit und Missverständnis höchstens für eine kurze Zeit verbergen können, was niemals zerstört werden kann, nämlich die Harmonie und Vollkommenheit und Herrlichkeit von Gottes Werk.