Die Wiedergeburt |

Die Wiedergeburt

Aus „Vermischte Schriften“ (S. 15) von

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Paulus spricht von der Wiedergeburt und sagt: „Wir… sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unsres Leibes Erlösung.“ Der große Prophet aus Nazareth sagte: „Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Nichts außer der Vergeistigung, ja der höchsten Verchristlichung des Gedankens und Verlangens, kann die wahre Anschauung von Gott und der göttlichen Wissenschaft vermitteln, aus der Gesundheit, Glück und Heiligkeit hervorgehen.

Die Wiedergeburt ist nicht das Werk eines Augenblicks. Sie beginnt mit Augenblicken und dauert durch die Jahre fort; mit Augenblicken der Hingabe an Gott, des kindlichen Vertrauens und der freudigen Aufnahme des Guten; mit Augenblicken der Selbstverleugnung und der Selbsthingabe, der himmlischen Hoffnung und der geistigen Liebe.

In der Zeit mag die Wiedergeburt beginnen, aber die Zeit kann sie nicht vollenden, das tut die Ewigkeit; denn Fortschritt ist das Gesetz der Unendlichkeit. Nur durch die schmerzhaften Wehen des sterblichen Gemüts wird die Seele als Sinn stille werden und der Mensch erwachen zu Seinem Bilde. Welch ein glaubenerleuchteter Gedanke, daß die Sterblichen den „alten Menschen“ ablegen können, bis der Mensch als das Bild des unendlichen Guten, das wir Gott nennen, erfunden wird und die volle Größe des Menschentums in Christus erscheint.

Im sterblichen und materiellen Menschen scheint das Gute nur als Keim da zu sein. Durch Leiden für Sünde und allmähliches vom Menschen entfaltet sich der Gedanke zu einer Schwinden der sterblichen und materiellen Vorstellung kindhaften Christlichkeit; zuerst genährt mit der Milch des Wortes, trinkt er die süß schmeckenden Enthüllungen eines neuen und geistigeren Lebens und einer neuen und geistigeren Liebe. Diese speisen die hungernde Hoffnung, befriedigen in höherem Maße das Verlangen nach Unsterblichkeit; und so trösten, erfreuen und segnen sie den Menschen, so daß er sagt: In diesem meinem Kindesalter ist das genug des Himmels, der zur Erde herabkommt.

Sowie man aber in das Mannes- oder Weibesalter der Christlichkeit hineinwächst, sieht man, wieviel fehlt und was alles nötig ist, um ganz christusähnlich zu werden, und man sagt: Das Prinzip des Christentums ist unendlich, es ist in der Tat Gott, und dieses unendliche Prinzip stellt unendliche Forderungen an den Menschen; diese Forderungen sind göttlicher, nicht menschlicher Natur, und des Menschen geistige Fähigkeit, sie zu erfüllen, stammt von Gott, denn da der Mensch Sein Bild und Gleichnis ist, muß er die volle Herrschaft des Geistes widerspiegeln — ja dessen höchste Gewalt über Sünde, Krankheit und Tod.

Das also heißt aus dem Traum von Leben in der Materie zu der großen Tatsache erwachen, daß Gott das einzige Leben ist; daß wir daher eine höhere Auffassung sowohl von Gott als auch vom Menschen hegen müssen. Wir müssen verstehen lernen, daß Gott unendlich mehr ist, als eine Person, oder eine endliche Form, in sich fassen kann, daß Gott ein göttliches Ganzes und Alles ist, eine alles durchdringende Intelligenz und Liebe, ein göttliches, unendliches Prinzip, und daß das Christentum eine göttliche Wissenschaft ist. Dieses neu erwachte Bewußtsein ist völlig geistig; es kommt aus der Seele und nicht aus dem Körper und ist die Wiedergeburt, die mit der Christlichen Wissenschaft ihren Anfang nahm.

Nun, lieber Leser, halte mit mir einen Augenblick inne, um diese geistige Höhe der Wiedergeburt ernstlich zu betrachten, denn jene Behauptung bedarf des Beweises.

Hier stehst du Auge in Auge mit den Gesetzen des unendlichen Geistes und erblickst zum ersten Male den unausweichlichen Kampf zwischen Fleisch und Geist. Du stehst vor dem furchterregenden Getöse des Sinai. Du hörst und merkst dir den Donnerhall des geistigen Gesetzes des Lebens, das dem materiellen Gesetz des Todes entgegensteht, des geistigen Gesetzes der Liebe, das dem materiellen Sinn von Liebe entgegensteht, des Gesetzes der allmächtigen Harmonie und des allmächtigen Guten, das einem jeden vermeintlichen Gesetz von Sünde, Krankheit und Tod entgegensteht. Und ehe die Flammen auf diesem Berg der Offenbarung erloschen sind, ziehst du wie vor alters der Patriarch die Schuhe von deinen Füßen — legst deine materiellen Hemmnisse, menschliche Meinungen und Lehren, ab, gibst deine mehr materielle Religion mit ihren Gebräuchen und Zeremonien auf, läßt deine Arzneimittel- und Gesundheitslehren als völlig nutzlos fallen —, um niederzusitzen zu Jesu Füßen. Dann beugst du dich demütig vor dem Christus, der geistigen Idee von der heilenden und erlösenden Macht Gottes, die unser großer Meister uns brachte. Dann gewahrst du zum ersten Male das göttliche Prinzip, das den Menschen vom Fluch des Materialismus — Sünde, Krankheit und Tod — erlöst. Diese geistige Geburt eröffnet dem entzückten Verständnis einen viel höheren und heiligeren Begriff von der Allerhabenheit des Geistes und vom Menschen als Seinem Ebenbild, wodurch der Mensch die göttliche Kraft widerspiegelt, die Kranken zu heilen.

Die materielle oder menschliche Geburt ist das Erscheinen eines sterblichen, nicht des unsterblichen Menschen. Diese Geburt ist mehr oder weniger langwierig und schmerzhaft, je nach den günstigen oder ungünstigen Umständen, den normalen oder anormalen materiellen Bedingungen, die sie begleiten.

Mit der geistigen Geburt dämmert dem menschlichen Gedanken — durch die Wehen des sterblichen Gemüts, durch enttäuschte Hoffnungen, schwindende Freuden und sich mehrende Schmerzen der Sinne — das ursprüngliche, sündlose, geistige Dasein des Menschen auf, wodurch man sich selbst als Materie verliert und eine klarere Anschauung vom Geist und vom geistigen Menschen gewinnt.

Die Läuterung oder wiederholte Taufe durch Geist entfaltet Schritt für Schritt das Urbild des vollkommenen Menschen und löscht das Zeichen des Tieres aus. „Welchen der Herr liebhat, den züchtigt Er; und Er straft einen jeglichen Sohn, den Er aufnimmt“; darum freue dich in Trübsal und heiße die geistigen Anzeichen der Wiedergeburt unter dem Gesetz und Evangelium Christi, der Wahrheit, willkommen.

Was die Geburt nach der göttlichen Ordnung der Wissenschaft fördert, sind die vornehmsten Gebote: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“; „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ In die neue Zunge, ihre geistige Bedeutung übertragen, lauten diese Gebote unendlicher Weisheit: Du sollst Geist allein in jeder Gotteseigenschaft, selbst in der Substanz, lieben und nicht sein Gegenteil; du sollst dich nur als Gottes geistiges Kind sehen und den wahren Mann und das wahre Weib, das all-harmonische „männlich und weiblich“1, als geistigen Ursprungs, als Gottes Widerspiegelung erkennen — somit als Kinder eines gemeinsamen Elterngemüts, worin und wodurch Vater, Mutter und Kind göttliches Prinzip und göttliche Idee sind, ja das göttliche „Uns“, eins im Guten und gut in Einem.

Mit dieser Erkenntnis könnte der Mensch sich niemals vom Guten, von Gott trennen, und er würde unweigerlich in der Liebe zu seinem Mitmenschen beharren. Nur wenn wir dem Bösen Wirklichkeit einräumen und in einen Zustand bösen Denkens geraten, können wir der Annahme nach das Wohl eines Menschen von dem der ganzen menschlichen Familie trennen und auf diese Weise versuchen, Leben von Gott zu trennen. Von diesem Fehler rührt vieles her, was bereut und überwunden werden muß. Verkehrt und gefährlich ist es, wenn du nicht weißt, was dich segnet, sondern glaubst, daß irgend etwas, was Gott schickt, ungerecht sei oder daß Er Seine Boten anweise, dir das zu bringen, was unrecht ist. Neid, böses Denken, böses Sprechen, Habgier, Wollust, Haß, Arglist sind immer falsch, sie werden die Regel der Christlichen Wissenschaft brechen und ihre Demonstration vereiteln; aber die Züchtigung Gottes und der Gehorsam, den Er von Seinen Dienern fordert, damit sie das ausführen, was Er sie lehrt — diese sind niemals unbarmherzig, niemals unweise.

Kranke zu heilen ist eine viel leichtere Aufgabe, als das göttliche Prinzip und die Regeln der Christlichen Wissenschaft so zu lehren, daß die Neigungen und Beweggründe der Menschen dazu erhoben werden, sie anzunehmen und im täglichen Leben zu verwirklichen. Wer sich zu dem Namen Christi bekannt hat, wer wirklich die göttlichen Forderungen von Wahrheit und Liebe in der göttlichen Wissenschaft angenommen hat, entfernt sich täglich vom Bösen, und alle boshaften Anstrengungen mutmaßlicher Teufel können niemals den Lauf eines solchen Lebens aufhalten, unentwegt zu Gott, seiner göttlichen Quelle, hinzuströmen.

Die furchtbarste Sünde jedoch, die Sterbliche begehen können, ist die, Schlechtigkeit unter dem Gewand des Himmels zu verbergen. Zu einem ehrlichen Mediziner, der bei seinen Erklärungen bleibt, und der, um mich zu heilen, von einer so hohen Ebene aus arbeitet, wie sein Verständnis es zuläßt, würde ich mehr Vertrauen haben, als ich je zu einem glattzüngigen Heuchler oder mentalen Malpraktiker haben könnte oder wollte.

Zwischen den zentripetalen und zentrifugalen mentalen Gewalten der materiellen und geistigen Schwerkräfte bewegen wir uns entweder in Materialität und Sünde hinein oder aus ihnen heraus und wählen so unsere Bahn und ihr Ziel. Was sollen wir also wählen — das Sündige, Materielle und Vergängliche oder das Geistige, Freudespendende und Ewige?

Das geistige Bewußtsein vom Leben mit seinen erhabenen Zielen ist an sich schon eine Seligkeit, die Gesundheit spendet und mit Freude inspiriert. Dieses Bewußtsein vom Leben erhellt unseren Pfad mit dem Glanz der göttlichen Liebe, heilt den Menschen unmittelbar, sittlich und körperlich, und verbreitet den Duft von Jesu eigenen Worten: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“


  1. Nach der engl. Bibel.↩︎